Schule des Tizian, (Pieve di Cadore, 1488/1490 – Venedig, 1576)
Madonna mit Kind und Johannesknabe
Öl auf Leinwand, cm 158 x 78
Das vorliegende Werk zeigt in Halbfigur die Madonna, die das Jesuskind hält, welches zärtlich seinen Kopf an ihren lehnt. Johannesknabe taucht seitlich auf und ergreift die Hand und den Fuß des Kindes. Im Hintergrund erscheint eine Schar von Cherubinen, die den göttlichen Charakter der Darstellung hervorheben.
Die Komposition des untersuchten Werkes wiederholt jedoch spiegelbildlich die der Madonna mit Kind und Johannesknabe, die sich in den Uffizien befindet und bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Sammlung des Kardinals Leopoldo als Werk des venezianischen Meisters Tizian Vecellio (1488/1490-1576) in Erinnerung geblieben war. Giovanni Battista Cavalcaselle und Joseph Archer Crowe halten das Gemälde in den Uffizien für eine Werkstattarbeit. Einige Gelehrte verorten die Version in den Uffizien im sechsten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts, basierend auf einer Ähnlichkeit zwischen dem Gesicht der Jungfrau und dem der Venus und Amor, auch bekannt als Frau des Tizian. Harold Wethey nähert das Gemälde in den Uffizien demjenigen an, das bis Mitte des 18. Jahrhunderts im Palazzo Barberini in Rom in Erinnerung geblieben ist. Ein Gemälde, das dasselbe Sujet darstellt, wird bereits im 17. Jahrhundert aufbewahrt und in einem Inventar von 1638 in der Sammlung des Palazzo Giustiniani Tizian zugeschrieben, jedoch mit der Abweichung, dass Johannesknabe den Fuß Jesu nicht ergreift, und auch die Position und Frisur der Jungfrau sind unterschiedlich. Von diesem Werk stammt auch ein Stich des niederländischen Zeichners und Stechers Cornelis Bloemaert (1603-1692), der in der Galleria Giustiniana veröffentlicht wurde. Ein weiteres Exemplar dieses Gemäldes befindet sich im Musée Fesch in Ajaccio.
Die Existenz vieler Repliken dieses Gemäldes, von denen mehrere lange Zeit als eigenhändig vom Meister stammend galten, lässt auf die Existenz eines Prototyps von Tizian schließen, der heute verschollen ist und für den es schwierig ist, eine chronologische Angabe festzulegen. Die Haltung von Mutter und Sohn mag an die Madonna mit Kind von Andrea Mantegna in der Pinacoteca di Brera in Mailand erinnern, die ebenfalls von einer reichen Gruppe von Cherubinen umgeben sind, was darauf schließen lässt, dass das authentische Werk des Tizian auch ein Jugendwerk sein könnte.
Es wurde bereits gesagt, dass das vorliegende Gemälde die Komposition der oben genannten Versionen aufgreift, jedoch spiegelbildlich; dieses Element zeigt uns, dass der Künstler sich auf einen Stich gestützt hat, wahrscheinlich nicht auf den von Bloemaert, der eine etwas abweichende Komposition in der Beziehung zwischen Johannesknabe und Jesuskind wiedergibt. Auch der Blick der Madonna variiert, nicht auf einen unbestimmten Punkt gerichtet, sondern direkt auf den Betrachter. Das Werk zeichnet sich durch die Wiedergabe der Stoffe aus, die besonders hell beleuchtet sind, um die Vorstellung des Materials zu vermitteln, aus dem sie bestehen, und greift damit die Manier des Tizian im Metropolitan Museum in New York von 1510 oder der Madonna mit Kind, Johannes dem Täufer und einem Heiligen in der National Gallery of Scotland in Edinburgh von 1514 auf.
Die Schar von Cherubinen ist vergleichbar mit der, die Tizian in Erscheinung Christi vor der Mutter, von 1554 in Medole, Kirche Mariä Himmelfahrt, einfügt.