Leonardesco Maler, Mitte des 16. Jahrhunderts
Jesus und der kleine Johannes küssen sich
Öl auf Leinwand, 62,5 x 50 cm
mit Rahmen, 77 x 66 cm
Das vorliegende Werk, ein Öl auf Leinwand, das von einem Maler aus dem Umfeld Leonardos Mitte des 16. Jahrhunderts geschaffen wurde, stellt die Begegnung zwischen dem Jesuskind und dem kleinen Johannes dar, die in einem Moment zärtlicher Zuneigung festgehalten sind, während sie sich küssen. Dieses Thema, das von tiefer symbolischer und devotionaler Bedeutung ist, zeugt von dem außergewöhnlichen Einfluss, den Leonardos Meisterschaft auf die lombardische und europäische Malerei des 16. Jahrhunderts hatte. Die Intensität des gestischen Dialogs und die Weichheit der Modellierung deuten auf eine direkte Ableitung von einem Leonardo-Prototyp hin, der heute nicht mehr erhalten ist, dessen Existenz jedoch von der Kritik gerade wegen der beeindruckenden Anzahl von Varianten und Kopien, die zwischen der Lombardei und Flandern entstanden sind, postuliert wird. Die Komposition konzentriert sich ganz auf die beiden kindlichen Figuren, die in eine dunkle Tiefe getaucht sind, was die Plastizität ihrer Körper und die Leuchtkraft ihrer Haut betonte, entsprechend einer chiaroscuro-Sensibilität, die an Leonardos Sfumato erinnert.
Ein enger stilistischer Vergleich ermöglicht es, dieses Werk in ein dichtes Netz ikonografischer Referenzen einzuordnen. Die Anatomie der Kinder und die weiche Wiedergabe der Haut weisen signifikante Ähnlichkeiten mit dem Jesuskind von Bernardino Luini auf, das sich in der Bayerischen Staatsgemäldegalerie befindet, wo die Suche nach epidermischer Realistik und die Süße der physiognomischen Züge denselben ästhetischen Kanons folgen. Die Beliebtheit dieses Kompositionsschemas wird durch die Produktion von Bernardino Luini und seiner Werkstatt bezeugt: Insbesondere in der Madonna mit Kind und dem kleinen Johannes einer Privatsammlung sind die verschlungenen Körper und die Umarmung der beiden Kleinen fast identisch mit dem hier analysierten Werk, was zeigt, wie Luini einer der wichtigsten Bewahrer und Verbreiter der Leonardo-Sprache war. Auch die Version aus Luinis Werkstatt im Prado bestätigt, dass das Thema des Kusses zwischen dem Erlöser und dem Täufer damals vom Auftraggeber weit verbreitet und gefragt war.
Noch aufschlussreicher ist der Vergleich mit dem Jesus und dem kleinen Johannes von Marco d'Oggiono, das sich heute im Royal Collection in London befindet. In diesem Gemälde scheinen die muskuläre Spannung und die Verdrehung der Körper getreu einem Originalgemälde oder einer Zeichnung Leonardos entlehnt zu sein und als visuelle Brücke zum Verständnis der Entstehung des vorliegenden Gemäldes zu dienen. Dieses Modell blieb nicht auf die Lombardei beschränkt, sondern überschritt die Alpen und beeinflusste flämische Meister wie Joos van Cleve und Quentin Massys. Van Cleve griff dasselbe Thema insbesondere in zahlreichen Varianten auf, wie die im Museum von Capodimonte in Neapel erhaltenen Leinwände bezeugen, wo die leonardische Körperlichkeit mit der deskriptiven Präzision Nordeuropas verschmilzt.
Das vorliegende Gemälde zeichnet sich durch eine Ausführungsqualität aus, die die Heiligkeit der Begegnung mit einer alltäglichen, unverkrampften Natürlichkeit verbindet. Zwar bezieht Bernardino de Conti in seiner Madonna in Brera das Detail des bevorstehenden Kusses in eine größere Komposition ein, aber unsere Leinwand wählt den Weg der thematischen Konzentration und konzentriert sich ausschließlich auf den physischen und emotionalen Kontakt zwischen den beiden göttlichen Cousins. Die Zartheit, mit der eine Hand auf der Schulter des anderen ruht, und das leichte Berühren der Lippen laden das Bild mit der Vorahnung des zukünftigen Opfers auf und machen das Werk nicht nur zu einer Demonstration lombardischer Malerkunst, sondern zu einem grundlegenden Baustein für die Rekonstruktion jenes „Leonardismus“, der die bildende Kultur der Hochrenaissance tief geprägt hat.