Pieter Mulier der Jüngere, genannt Cavalier Tempesta (Haarlem, 1637 – Mailand, 1701), Schiffe auf stürmischer See
Beschreibung:
Pieter Mulier der Jüngere, genannt Cavalier Tempesta (Haarlem, 1637– Mailand, 1701)
Schiffe auf stürmischer See
Öl auf Leinwand, 28,5 × 63,5 cm
Mit Rahmen, 45 x 80 cm
Veröffentlicht in M. Roethlisberger, Cavalier Pietro Tempesta and his time, 1970, Kat.-Nr. 346, S. 118.
Katalogisiert unter RKD https://rkd.nl/images/37534
Unter den suggestivsten Interpretationen der Marinemalerei, die sich in Italien in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts entwickelte, stellt Schiffe auf stürmischer See ein Beispiel für außergewöhnliche narrative und atmosphärische Wirkung dar, das die unvorhersehbare Kraft der Naturgewalten auf die Leinwand zu übertragen vermag. Die Komposition wird von einem Segelschiff dominiert, das von einer aufgewühlten See angetrieben wird, während aufwühlende Wellen und bedrohliche Wolken einen Großteil der Bildfläche einnehmen. Im Hintergrund sind weitere Schiffe zu erkennen, die dem Sturm trotzen, und rechts eine schmale Küstenlinie, die nur von plötzlichen Lichtblitzen erhellt wird. Der Kontrast zwischen den dunklen Massen des Himmels und den hellen Öffnungen, die zwischen den Wolken hindurchscheinen, verleiht der Szene eine dramatische Spannung von großer Intensität, die typisch für die besten Erfindungen des Cavalier Tempesta ist. Das Werk wurde als Pendant zu einer Küstenansicht gleicher Größe und Technik konzipiert, die sich heute in einer Privatsammlung befindet. Letztere trägt die Unterschrift „Cavalier P. Tempesta“ aus der Hand des Meisters, die die Autorschaft beider Werke bezeugt. Die Qualität des Paares und die vollständige Übereinstimmung mit den Manieren des Tempesta bestätigen nämlich, dass es sich um persönliche Ausführungen des Meisters handelt. Die Kompositionen offenbaren jene technische Meisterschaft und stilistische Kohärenz, die die signierten Werke des Tempesta auszeichnen und die im 17. Jahrhundert vom privaten Kunstsammler wegen der Landschafts- und Marinemotive besonders geschätzt wurden. Das Gemälde findet einen bedeutenden Vorgänger in der Sturm-Ansicht von Pieter Mulier dem Älteren in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, wo eine ähnliche kompositorische Struktur auftritt, die auf dem Gegensatz zwischen dem Vordergrundschiff und der Weite des stürmischen Meeres basiert. Im Vergleich zum väterlichen Vorbild kommt hier jedoch deutlich die Persönlichkeit des Sohnes zum Vorschein: die Pinselstriche des Himmels, aufgetragen mit einer Materie, die von tiefem Schwarz zu Grau- und Violetttönen wechselt, gehören zur reifen Sprache des Cavalier Tempesta und sind eines der erkennbarsten Elemente seiner Produktion. Auch die Küstenlinie im Hintergrund weist wiederkehrende Motive in anderen Werken des Künstlers auf, wie die Küstenansicht, einst in der Galleria Sacerdoti in Mailand und heute in einer Privatsammlung.
Pieter Mulier der Jüngere, auch bekannt unter dem latinisierten Namen Mulieribus, wurde in Haarlem geboren und von seinem Vater Pieter Mulier dem Älteren ausgebildet. Nach einem Aufenthalt in Antwerpen, wo er seine Spezialisierung auf die Darstellung von Meereslandschaften und Tieren perfektionierte, kam er 1656 nach Rom. In Kontakt mit Cornelis De Wael fand er wichtige Auftraggeber in den Familien Orsini, Borromeo, Doria Pamphilj und Colonna. In diesen Jahren trat er der Bruderschaft der in der Stadt tätigen niederländischen Maler bei und nahm den Spitznamen „Tempesta“ an, der ihn berühmt machen sollte. Für Prinz Colonna führte er auch Freskendekorationen im römischen Palast der Familie aus. Seine biografische Geschichte war von dramatischen Ereignissen geprägt: 1661 heiratete er Lucia De Rossi, die Halbschwester des Malers Domenico De Marchis, eines der Schüler und Mitarbeiter, die in seiner Werkstatt tätig waren. 1668 zog er nach Genua, nachdem er im selben Jahr vom Herzog von Bracciano den Ritterschlag erhalten hatte, und arbeitete erfolgreich für die Doria und Brignole Sale. Die tragische Ermordung seiner Frau auf der Reise von Rom nach Genua und der anschließende Prozess, in dem er als Auftraggeber angeklagt wurde, führten 1679 zu seiner Verurteilung. Auch während der langen Haft malte er weiter und nutzte ein Atelier im Torre del Popolo des Dogenpalastes, von wo aus er den genuesischen Hafen beobachten konnte, eine unerschöpfliche Inspirationsquelle für seine Meeresansichten. Schiffe auf stürmischer See zeugt wirkungsvoll von der höchsten Phase seiner Produktion, als die direkte Beobachtung der Natur mit einer fast theatralischen Empfindlichkeit beim Aufbau der Szene verbunden wird. Die Darstellung der Wellenbewegung, die Dramaturgie des Lichts und die Monumentalität der Wolken offenbaren seine Fähigkeit, die Landschaft in eine Erzählung zu verwandeln, die Cavalier Tempesta zu einem der beliebtesten Spezialisten für Marinemalerei seiner Zeit machte. Es überrascht daher nicht, dass seine Werke heute in den renommiertesten europäischen Sammlungen vertreten sind, von der Royal Collection in Greenwich bis zum Kunsthistorischen Museum in Wien, von der Galleria Doria Pamphilj in Rom bis zur Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden. In diesem Gemälde finden sich all die Qualitäten, die seinen Erfolg begründeten: die Kraft der Natur, die emotionale Spannung der Erzählung und eine außergewöhnliche Meisterschaft in der Übersetzung des Meeresgetümmels in ein malerisches Bild.