Meister der Reflexionen, Zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts
Genreszene
Öl auf Leinwand, 44 x 74 cm
Expertise Prof. Giancarlo Sestieri
Das vorliegende Werk zeigt eine Szene aus dem venezianischen Leben, die in einem Salon mit einem Sofa im Hintergrund spielt. Rechts hockt eine alte Dienerin, die ein Kohlenbecken anheizt, neben dem ein kleines Mädchen sitzt; auf der linken Seite hingegen ist die Episode dargestellt, um die es sich dreht: Eine elegant gekleidete Dame, die den Finger auf den Mund legt, um Stille zu gebieten, entnimmt einem Gentleman - sicherlich ein Adeliger, wenn man seine feine Kleidung betrachtet - einen Brief oder ein Blatt vom übereinander geschlagenen Bein. Dieser sitzt auf einem Sessel, wobei der rechte Ellbogen auf einer Konsole ruht und die linke Hand in die Weste gesteckt ist, und ist eingeschlafen, vielleicht abgelenkt von der Dame, die ihn von hinten beobachtet. Die Episode passt perfekt in die vielfältige Sichtweise des venezianischen Lebens, die sich hauptsächlich auf die hohen aristokratischen Kreise konzentriert, aber auch für populäre Szenen offen ist.
Das Gemälde ist eindeutig dem engen Umfeld von Pietro Longhi (Venedig, 1702 oder 1704 – 1785) zuzuordnen, auch wenn es stilistisch und interpretativ im Vergleich zum venezianischen Meister durch eine stärkere figurative Präzisierung und feinere chromatische Übergänge gekennzeichnet ist. Es ist jedoch als zeitgleich mit seinem Werk oder unmittelbar danach anzusehen. Aus diesem Grund kann das Werk kohärent dem anonymen direkten Nachfolger - es ist nicht auszuschließen, dass er auch sein Mitarbeiter war - von Pietro zugeschrieben werden, der als "Meister der Reflexionen" bezeichnet wird, da es sich in seiner figurativen Prägung und seinem Darstellungswillen eng an einige Gemälde anlehnt, die unter dieser Bezeichnung eingeordnet werden, insbesondere an die Erklärung der Dame der Banco Ambrosiano Veneto, ein Gemälde, das zusammen mit dem Nashorn in der Ausstellung gezeigt wird, welches eine umgekehrte Version derer von Pietro Longhi ist.
Der Meister der Reflexionen spezialisierte sich und setzte die Genre- und Kostümbilder mit Szenen des venezianischen Lebens fort, die ihn ab der Mitte des Jahrhunderts berühmt machten. In diesen Gemälden, die von der Aristokratie und den Intellektuellen der Epoche sehr geschätzt wurden, wurden fesselnde Episoden aus der unteren oder oberen venezianischen Gesellschaft erzählt, die in ihr tägliches Leben eintauchte und damit voll und ganz dem aufklärerischen Wunsch entsprach, die Realität zu erforschen und eine genaue Chronik des sozialen Brauchs der Zeit vorzulegen. Die Bezeichnung "Meister der Reflexionen" wurde aufgrund seines changierenden Einsatzes in den Farbtönen geprägt, der in den Werken der Longhi-Schüler, die sich durch unterschiedliche typologische und stilistische sowie malerische Eigenheiten auszeichnen, nicht immer erkennbar ist, so dass sie sich mit verschiedenen Bezeichnungen wie dem "Meister des Reduit" und dem "Meister des Schlanken" hervorgetan haben.
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